12.05.2017

Experiment Probewohnen!

Margret May wird im kommenden Jahr 60 alt. Obwohl sie noch mitten im Berufsleben steht, beschäftigt sie sehr, wie und wo sie im Alter leben will. So nutzte sie eine mehrwöchige Auszeit beim Arbeitgeber im März 2017 für ein Experiment: Sie wohnte vier Wochen auf Zeit im Wilhelm Leuschner Seniorenzentrum. Hier ihr Bericht.

6. März 2017 Ankommen

Seit Freitag bin ich hier. Was für ein großes Haus, wie viele Bewohner, wie viel Aktivität. Als die Tür aufgeht, werde ich mit einem „Herzlich willkommen!“ begrüßt und umarmt. Herr X und ich kennen uns schon lange. Ich habe vor Jahren seine Tochter beerdigt.

In meinem Gästezimmer sieht es richtig schön aus. Ich habe Blumen geschenkt bekommen, mit guten Wünschen meiner Freunde. Aber mich besuchen? Da sind sie zurückhaltend. „Bloß nicht zu früh ins Heim!“ Die Lohbrügger müssen noch lernen, dass hier kein Pflegeheim mehr ist, sondern ein Haus mit einer der modernsten Wohnformen für Senioren, dem Servicewohnen. Überhaupt beobachte ich eine große Veränderung im Stadtbild, seit dem ich vor fünf Jahren weggezogen bin. Senioren wo man auch hinschaut. Die Busfahrer haben es schon in ihre Arbeit aufgenommen: Beim Aussteigen wird der Bus stets abgesenkt.

Auf dem Parkplatz sieht man die Spuren der "neuen Alten": Ein Boot ist da geparkt! Ein Mofa. Ein Rennrad. Daneben ein Rollator…

Ich treffe erste Mieter. Meine Nachbarin bittet mich in ihre Wohnung. So schön, so hell, Blick auf freie Natur und den Spielplatz. „Es kommt mir vor, als würden wir uns schon lange kennen“, sagt die Dame am Ende unseres Kennlerngesprächs. Wundervoll.

Abends noch ein bewegendes Treffen mit einer Mieterin mit Hund. Meiner ist vor kurzem gestorben, so kommen wir schnell ins Gespräch. „Ich bin richtig glücklich, dass ich hier her gekommen bin.“ Sie ist auch erst 62! Wow. Ich glaube, ich bin richtig hier.

Tag 2

Ich lerne: Wir sagen „Leuschner“. Als Abkürzung für Wilhelm Leuschner Seniorenzentrum – viel zu lang, der Name….

Tag 5

Heute war ich zum ersten Mal in der Gymnastikgruppe. Lotte - man duzt sich hier - ist unsere forsche Anleiterin. Sie macht ihre Sache prima, alle Muskeln werden angesprochen, das Hirn trainiert, sogar gesungen. Toll, hier gibt eine der anderen, was man draußen für viel Geld bezahlen muss. Ich werde sofort aufgenommen. „Hier gibt es keine festen Plätze“, prima, da bin ich froh. Auf dem Weg nach Hause darf ich eine andere Teilnehmerin über ihr Leben hier fragen. Sie ist auch neu hier, im Gespräch höre ich einen Satz, den ich kenne: „Das Leben ist immer mehr ein Abschiednehmen".

Tag 10

Meine Nichte mit ihren zwei Kindern besucht mich für drei Tage im Leuschner. Die Kinder sind begeistert vom Frühstück im „Ambiente“, von den automatischen Türöffnern, dass man einen Hund halten darf usw.. Meine Nichte ist glücklich, dass ich mich in so frühen Jahren für eine Wohnmöglichkeit im Alter interessiere. Wir haben zusammen die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.

Tag 13

Die drei sind wieder weg. Wir waren ganz viel in Hamburg unterwegs. Am Ende fiel meiner Nichte auf: Sie hat in den drei Tagen keinen Menschen auf dem Flur gesehen…

Tag 15

Frau X. ist gestorben. In unserer Sportgruppe wird kurz darüber gesprochen. Eine Nachbarin ist ganz traurig. „Sie war mir wie eine Schwester". Alle werden still. Am anderen Morgen sehe ich ein Bild der Verstorbenen, eine Blume, ein schöner Text daneben. Dieser Gedenkort ist neu im Haus, er liegt an einem viel benutzten Flur. Eben mitten im Leben! Volltreffer.

Tag 17

Jemand fragt: Wie verbringst du deine Tage? Meine Antwort: Ich habe nichts mehr zu tun und trotzdem bin ich den ganzen Tag beschäftigt. Einer Nachbarin geht es genauso. Sie sagt: „Wie habe ich früher nur alles geschafft als ich noch berufstätig war?“ Wir lassen uns aber auch mehr Zeit für alles. Am liebsten führe ich hier Gespräche mit den Nachbarn im Haus. Ich fahre aber auch Rad und bin im Stadtteil unterwegs. Außerdem sitze ich öfter im Restaurant „Ambiente“. Mein neues Hobby ist das einhüten von Katzen…

Tag 20

Die Pflegekräfte des Pflegedienstes rauchen vor der Tür. Ärgerlich…

Tag 21

Eigentlich hatte ich eine Buchlesung vor, aber stattdessen „netzwerke“ ich. Initiiere Gespräche, ob vor der Gedenktafel für Verstorbene oder vor den Briefkästen. Überall im Haus sind schöne Sitzecken. Auch draußen auf den Bänken lässt es sich lange aushalten, für manche sogar stundenlang. Da alles direkt vor meinen vier Fenstern abläuft, geselle ich mich schon mal mit einem kleinen Stück Schokolade dazu. 

Tag 25

Ich lese das Buch „Das Abrahamprinzip - Wie wir gut und lange leben“ vom Zukunftsforscher Prof. Horst Opaschowski. Er schreibt über die Entwicklung der/des Alten in den nächsten Jahren. Beim Lesen entdecke ich Parallelen zur Wohnform im Leuschner.

So schreibt er: „In Zukunft wird Hochaltrigkeit immer wahrscheinlicher“. Ja, im Wilhelm Leuschner Seniorenzentrum sind viele Mieter um die 80 Jahre alt und älter. Sie führen ein selbständiges Leben mithilfe von unterstützendem Service durch Seniorenbetreuung, Hausmeister, Küchenpächter, Laden, Nachbarschaft.

Herr Opaschowski sagt auch: „Wer sich um andere sorgt, lebt länger“. Ja, hier Mieter zu sein heißt gleichzeitig auch Gemeinschaft: selbst gewählt, im Haus und/oder Stadtteil, etwas von sich einbringen, z.B. beim Grillnachmittag der Männer.

Der Autor: „Bei den 75 - bis 79-Jährigen liegt der Anteil der Pflegebedürftigen bei 8%, auch die meisten 90-Jährigen (55%) leben noch zu Hause. Ja, im Leuschner ist Siechtum und Alter nicht das Thema. Im Restaurant wird man nicht "gefüttert", kein Uringeruch in den Fluren und keine Krankenhaus-Atmosphäre.

Weiter: „Die Älteren sind wie die Jüngeren auf lebenslanges Lernen angewiesen“. Ja, im Leuschner wird man nicht durch Kinderauftritte oder Kaffeekränzchen berieselt. Viele Mieter sind vertraut mit Smartphone und Onlinebanking. Was Wii-Bowling ist, habe ich erst im Leuschner gelernt.

Opaschowski: „Man fühlt sich wohl und gesund, obwohl andere meinen, man sei krank und gebrechlich“. Ja, hier nehmen auch schwerer erkrankte Mieter regelmäßig an der Gemeinschaft teil.

Und weiter: „Lebensgemeinschaft wird neu definiert: Wahlfamilien und Wahlverwandtschaften werden immer wichtiger“. Ja, ich bin knapp vier Wochen hier und weiß schon ungefähr um das Wohlergehen von einem Dutzend Menschen. Wenn wir uns im Haus treffen, dann kann ich echte Anteilnahme zeigen, statt mit einem lapidaren "Wie gehts" vorbeizugehen.

Auch spannend: „Eine neue „Generation Superior“ entsteht: Sie hat keinen langen Atem mehr für das bloße Nichtstun“. Ja! Carpe diem - nutze den Tag. Viele Mieter hier haben einen Stundeplan für ihre Aktivitäten. Bei der einen ist nur mittwochs frei, der andere plant den Tag nach Kraft, Laune und Sinn. Aktivitäten um die eigene Gesundheit werden im Leuschner groß geschrieben. Die Walkinggruppe sehe ich regelmäßig nur noch als Staubwolke davoneilen.

Opaschwoski: „Für Ruheständler kann die Bezahlung mit Lebenssinn genauso wichtig wie die Bezahlung mit Einkommen sein“. Ja, einige Mieter hier sind noch berufstätig. Altersarmut ist hier nicht immer der Grund. „Silver Worker“ sind im Kommen. Ich selbst werde, falls gesundheitlich möglich, eine Honorartätigkeit nach meiner Pensionierung aufnehmen. 

Zum Schluss: „Man muss auch Freundschaft mit sich schließen können und darf sich nicht immer nur selbst leidtun“. Ja, das erlebe ich auch hier. Mein Vorbild ist Frau X, die trotz schwerer Erkrankung und Mühsal im Alltag täglich zu den wartenden Freundinnen am Frühstückstisch im Restaurant erscheint.

Tag 27

Mein absolutes Highlight im Leuschner: Zuerst feiern mein WG-Pastor und ich Gottesdienst am Küchentisch der Gästewohnung. Dann kommen Freunde zum Mittagessen ins „Ambiente“, danach habe ich Geschirr und Stühle aus dem Treffstübchen ausgeliehen und zur Kaffeetafel in mein Zimmer eingeladen. Von 11 bis 17 Uhr gibt dieser Tag die Gewissheit, dass man im Leuschner zu Hause sein kann. Dass man prima zum Essen einladen kann ohne auszugehen. Dass sich Freunde und Verwandte hier wohlfühlen.  

19. April 2017

Ich bin wieder zu Hause. Noch ein paar Tage bis zum beruflichen Wiedereinstieg. Da bleibt Zeit für ein Resümee. Meine Entscheidung steht fest: Ich werde im Leuschner eine kleine Wohnung mieten, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Mein Balkon soll einen Blick auf die Orte haben, an denen ich als junge Sozialpädagogin Jugendliche und Kinder begleitet habe: Bolzplatz, Spielplatz, Sportplatz. Hier haben wir meist abends unsere aufsuchende Arbeit gemacht.

Ein Mietpreis von 6,90€ pro m2, eine Einzimmerwohnung mit Balkon, ein kleines Gartenbeet in eigener Regie, der Luxus einer Gemeinschaft, ein Stadtteil, der mir zur zweiten Heimat wurde. Das ist für mich das pure Glück.

Herzlichen Dank für vier Wochen Leuschner!

 

 

 

 

 

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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