Eine Wilhelmsburger Familiengeschichte: Vom Fruchthaus Kuhrmann bis zur Sturmflut 1962

Interview mit Hannelore K. - Zeitzeugin der Sturmflut 1962 in Wilhelmsburg

Hannelore K., geboren 1937, ist echte Wilhelmsburgerin durch und durch. Aufgewachsen hinter dem Ladentisch des elterlichen Fruchthauses, erlebte sie als junge Frau die Sturmflut von 1962 hautnah mit. Heute lebt sie in der Seniorenwohnanlage der Wilhelm Carstens-Stiftung in Wilhelmsburg – und erinnert sich noch an jede Ecke, jeden Laden und jeden Menschen aus ihrer Kindheit.

FAMILIE UND WURZELN IN WILHELMSBURG
Frau K., Sie sind 1937 geboren. Sind Sie eine echte Wilhelmsburgerin? Mein Vater ist echter Wilhelmsburger – meine Mutter kommt aus Dortmund.

Wie haben Ihre Eltern sich denn kennengelernt? Meine Mutter hat in einer Musikkapelle gespielt. Und da hat mein Vater sie bei einem Auftritt getroffen – in der Klosterburg, am Hauptbahnhof. 

Und dann haben beide sich in Wilhelmsburg niedergelassen? Ja. Mein Vater war vor dem Laden noch im Krieg – er ist zum Glück unversehrt zurückgekommen. 

DAS FRUCHTHAUS KUHRMANN
Wie kam es, dass Ihr Vater einen Laden aufgemacht hat? Er kam aus dem Krieg und ein Laden war schon immer sein großer Wunsch. Dann hat er eine alte Dame kennengelernt, die ihren Laden verkaufen wollte. Durch die Zerstörungen musste da viel gemacht werden, Fenster und so. Es war viel Arbeit, das wiederherzurichten. Aber dann konnte er das Fruchthaus Kurmann eröffnen.

Was hat er verkauft? Gemüse, Obst – und auch Konserven. Wir hatten einen Automaten für Erbsen und weiße Bohnen. Und wir hatten Sauerkrautfässer, Salzgurken in Fässern, Senf zum Abfüllen, Essig auch. Und Obst natürlich. Äpfel aus dem Alten Land, Kartoffeln vom Bauern aus der Nähe.

Und wie war das Geschäft? Voll. Besonders am Wochenende. Die Leute kannten uns alle.

Haben Sie selbst auch mitgeholfen im Laden? Ja! Schon als kleines Mädchen – Konserven packen, aufstapeln... ich war vielleicht 13, da hab ich angefangen. Und das ging mein ganzes Leben so weiter. Ich hab das unheimlich gerne gemacht. 

DIE NACHT DER STURMFLUT 1962
Frau K., erzählen Sie uns bitte von der Flutnacht. Wie haben Sie die erlebt? Mein Vater stand frühmorgens vor seiner Haustür – der war immer um drei Uhr auf, der brauchte keinen Wecker. Da kamen schon Türen und Bretter vorbeigeschwommen. Dann kam der Nachbar: „Hans, du kannst heute nicht zum Markt." – „Wieso?" – „Weißt du nicht? Überall Wasser. Ganz Wilhelmsburg ist geflutet."
Mein Vater hat dann Radio gehört und ist zum Laden um die Ecke gegangen. Die Straße war noch trocken, aber ringsum war alles Wasser. Er hat meine Mutter geweckt: „Wir müssen schnell zum Laden!“ Zum Glück war dort alles trocken. 

Und wie haben Sie selbst davon erfahren? Ich wohnte inzwischen mit meinem Mann um die Ecke vom Laden, in einem Haus im ersten Stock. Gegenüber einer kleinen Kneipe. Ich habe von da Geschrei gehört und bin ans Fenster gegangen – da habe ich nur so ein Flimmern gesehen, das Licht auf dem Wasser. Dann habe ich meinen Mann geweckt. Und dann haben wir es gemerkt: Im Hausflur unten stand schon Wasser. Aber die Straße wurde zum Glück nicht komplett geflutet. Bloß ein Stück weiter, Richtung Krankenhaus und in der Garage meines Vaters – das war alles voll Wasser.

Wie war das für Sie – waren Sie ängstlich? Ja. Man hatte immer Angst, dass das Wasser noch höher kommt. Ich hatte wirklich Panik. Aber es ging ja zurück.

DER LADEN ALS RETTUNGSANKER
Was ist dann am Morgen passiert? Mein Mann und ich sind zum Laden gegangen. Und dann kamen die Kunden – mit Gummibooten! Von überall! Zum Glück hatte mein Vater viele Dosen und Kartons auf Vorrat. Das war das Glück.

Die Menschen wollten sich versorgen? Genau – sie wussten ja nicht, wie lange das dauert. Wir haben bis nachts um elf, zwölf Uhr geöffnet gehabt.

Und Ihr Vater hat sogar noch das Krankenhaus beliefert an dem Tag? Ja! Er hat die Garage geöffnet, sein Laster stand im Wasser. Der Kraftfahrzeugelektriker hat den Wagen wieder fit gemacht – bei der Kälte hat er sich sogar ins kalte Wasser reingestellt! Und dann sind sie losgezogen und haben das Krankenhaus noch beliefert. 

DIE FOLGEN DER FLUT
Kannten Sie Menschen, die durch die Flut alles verloren haben? Ja. Eine Schulkollegin ist ertrunken. Am Spielplatz. Ihr Mann und ihr Kind kamen noch weg – aber sie nicht. Es war bitterkalt und die Eisschollen... Das war schon furchtbar.

Hat sich das in Ihr Gedächtnis eingebrannt? Ja. Wenn heute viel Sturm ist, denkt man schon daran. Ob das wieder kommt. Das hat sich einem eingegraben, ja. 
 

FAMILIE UND SCHICKSAL
1962 waren Sie 25 Jahre jung und verheiratet. Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt? Auch durch unseren Laden! Er hat damals beim Autohersteller „Tempo“ gearbeitet und hat öfter unsere reparierten Wagen gebracht. Mein Vater kannte ihn. Dann hat er mich mal eingeladen zu einer Feier – ja, so sind wir zusammengekommen.

Und dann kamen Kinder? Erst ein Jungen, mit 24. Und mit 34 Zwillinge! Ein Junge und ein Mädchen. Das hat mir tatsächlich eine Kartenlegerin vorhergesagt – ich war damals 23 oder 24. Sie sagte: „Sie werden drei Kinder haben. Aber bei zweien weiß ich nicht... das ist komisch." Und genau so kam es.

Wie war das, plötzlich Zwillinge zu haben? Viel Arbeit! Ich hatte zuerst Angst, dass ich irgendwas falsch mache. Meine Schwiegermutter hat mir geholfen. Und heute sind alle gesund und munter.

Sie sind jetzt sogar Uroma? Ja! Seit zwei Monaten. Der Kleine heißt Fiete. (lacht) Ist doch ein schöner Wilhelmsburger Name!

LEBEN IM ALTER
Wie sind Sie in die Seniorenwohnanlage der Carstens-Stiftung gekommen? Mein Mann und ich haben früher in Hollenstedt gelebt – wir haben das Haus meiner Eltern übernommen. Die hatten sich dort ein Wochenendhaus gebaut. Acht Jahre waren wir da. Schön in der Heide. Dann starb mein Mann leider. Nach seinem Tod habe ich noch sieben Jahre alleine dort gelebt. Dann bin ich gestürzt – Oberschenkelhalsbruch, zum Glück nicht schlimm. Da haben meine Kinder gesagt: „Jetzt ist es Zeit." Beide leben in Wilhelmsburg. Mein Sohn hat dann diese Wohnanlage hier gefunden.

Und Sie haben sich gleich wohlgefühlt? Es hat ein bisschen gedauert, bis eine Wohnung frei war, die mir gefiel. Ich war freies Wohnen gewohnt, viele Fenster. Dann wurde diese Wohnung frei – mit drei, vier Fenstern, und ich dachte: „Hey, die gefällt mir. Die nehme ich." Und es war die richtige Wahl. 

Kennen Sie hier Menschen aus alten Zeiten? Ja! Das ist immer wieder ein Witz. Im Bürgerhaus hat mich neulich jemand angesprochen: „Sind Sie Frau Kuhrmann?" – „Nein, ich bin die Tochter." – „Sie sehen aus wie Ihre Mutter!" Wenn man so viele Jahre hinter einem Ladentisch steht, ist man bekannt wie ein bunter Hund.


RÜCKBLICK AUF EIN ERFÜLLTES LEBEN
Frau K., wenn Sie heute, mit 89 Jahren, auf Ihr Leben zurückblicken – wie geht es Ihnen damit? Ich habe Glück gehabt. Ja. Das kann ich so sagen.

Und die Sturmflut von 1962 – was bedeutet sie Ihnen heute? Das hat sich einem schon eingegraben. Wenn heute Sturm ist, denkt man dran. Aber wir konnten ja auch helfen damals – mit dem Laden, mit den Lebensmitteln. Das war gut.

Frau K., herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und so offen und lebendig erzählt haben! Das Interview haben wir mit Hannelore K. in ihrer Wohnung in der Seniorenwohnanlage in Wilhelmsburg geführt.
 

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