Das Leben außerhalb der Käseglocke meistern

Abschiedsworte aus dem Sommer 2026

Liebe Anwesende, ----

so fangen große Reden an, aber keine Sorge ich halte es – relativ kurz -, weil es heute heiß ist und noch einige Reden anstehen.

Als ich vor 15 Wochen im eisigsten Winter hier ankam, war meine größte Sorge: Wie schmeckt der Kaffee und/oder gibt es ein Leben ohne. Ansonsten waren meine Gefühle Anspannung und Neugier.

Zu meinem Abschied möchte ich die einzelnen Abteilungen dieser Einrichtung näher betrachten.

Als erstes die medizinische:

Ich bewundere alle Mitarbeiter/-innen hauptsächlich für ihre Engelsgeduld, mit der sie versuchen auch den letzten Patienten davon zu überzeugen, dass es wichtig ist, dass die Medikamente morgens abgeholt werden und es außerhalb der Bedarfe keine Pillen gibt – kein einfacher Job. 

Das Housekeeping macht ebenfalls einen super Job. Trotz Schnee und Eis und – wenn ich mir den Fußboden manchmal angucke - vielen, vielen Fällen von Schüttellähmung, sind alle gut gelaunt und freundlich. Vielleicht sollte man aber einige Mitarbeiter auch darauf aufmerksam machen, dass Schuhüberzieher nicht wirklich was bringen, wenn man damit die ganze Zeit – auch draußen – rumläuft.

Die Küche, tja, die Küche ist ein Thema für sich. Manchmal genervt und grummelig, manchmal sehr redselig (immer an den langen Schlangen zu erkennen), trotzdem bemüht, aus dem schmalen Budget alles rauszuholen. Aber vielleicht sollte es mal eine Gesundheitsschulung geben: Wie man es schafft, Tortellini mit Chicken Nuggets und Sweet-Chili-Sauce als „leichte Kost“ zu verkaufen, wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Trotzdem vielen Dank für ihren Einsatz, ich bin immer satt geworden und 4 kg mehr sprechen ja auch eine deutliche Sprache.

Die Verwaltung darf ich auch nicht vergessen. Man bemüht sich sehr in den modernen Zeiten anzukommen. Ich glaube, ich war eine der ersten Patienten, die mit Plink ins digitale Terminzeitalter gestartet ist und wohl die Einzige, die keinen einzigen Absturz des Programms hatte. Ich hoffe für die zukünftigen Rehabilitanden, dass die Verträge mit den Programmierern so ausgestaltet wurden, dass man spätestens nächstes Jahr den Kinderschuhen entwachsen ist. Ich wünsche ihnen ebenfalls, dass sie einen bezahlbaren Provider finden, der ihnen eine SMS-Flatrate bietet, damit das Kontingent nicht immer am Ende des Monats aufgebraucht ist. 
Auch hier mein Dank für die stets freundliche Behandlung – egal welche Schlangen sich hinter einem aufbauen.

Ich merke, ich brauche doch ein wenig länger, denn jetzt komme ich erst in die Therapie-Abteilung.

In der Krabbelgruppe ist natürlich Frau P. (damals noch Frau H.) eine absolute Lichtgestalt. Geballte Informationen in kurzen, aber vollständigen Sätzen laugen zwar aus, aber man vergisst ein aufkommendes Heimweh total – da ist kein Platz dafür. Andere Veranstaltungen in dieser Zeit waren nicht so erquickend: Es braucht zwei Mitarbeiter, um eine über 10 Jahre alte Quarks-Sendung als „Ernährungsschulung“ zu starten – eine, um die Teilnehmer abzuhaken und eine, um den Fernseher zu bedienen. Das Thema der Sendung war übrigens Essstörungen … 

… und dann kam Ergo …
Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die tun, als würden sie hochkonzentriert arbeiten. Die Angebote sind im Vergleich zu anderen Kliniken zwar sehr beschränkt, aber für mich reichte der Ton, um mich kreativ auszuleben. Das mit dem Brennen hat die Freunde zwar sehr getrübt, aber auch hier mein Dank an die Therapeuten.

… und Physio …
Ich kann euch sagen, am Anfang hatte ich nach der Wirbelsäulengymnastik Muskelkater an Stellen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie Muskeln haben – selbst die von mir immer ins lächerliche gezogene Wassergymnastik verursachte nicht zu vergessende Schmerzen. Letztendlich konnte ich erfolgreich abschließen: ich kann jetzt sogar Rückwärtslaufen.

Die Einzeltherapie war das Highlight. Frau K. – die „Brechstangen-Therapeutin – hat es geschafft, mir jedes Mal etwas zum Denken mitzugeben. Ihre Argumente sind immer so logisch, dass ich ihr – manchmal auch ungern – fast immer Recht geben musste.

Zum Schluss noch die Gruppentherapie. Hier meine ich nicht nur die der Gruppe 4 in den unterschiedlichen Besetzungen (natürlich die beste aller Gruppen), sondern die vielen Gespräche und Albernheiten, die am Raucherpoint oder in der Cafeteria stattgefunden haben. Ihr alle und viele der bereits Gegangenen habt mir gezeigt, dass es Spaß macht aus meinem Schneckenhaus herauszukommen und es sich immer lohnt die Schubladen, in die ich die Leute gesteckt habe, noch einmal aufzuziehen. Einige Schubladen habe ich schnell wieder zu gemacht, aber bei anderen habe ich sehr positive Überraschungen erlebt. Dafür danke ich Euch.

An alle neuen und alten Hasen: Bitte begegnet allen mit Freundlichkeit und Respekt. Lasst Euch auf die Therapie ein, ihr werdet überrascht sein, was alles in Euch und unseren Mitrehabilitanden steckt.

Jetzt werde nach Hause gehen und mein Leben außerhalb dieser Käseglocke meistern, ich habe keine Angst mehr zu fallen, sollte es doch passieren, richte ich mein Krönchen und stehe wieder auf. Alles getreu nach Goethe: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. 

Birgit H.
Hanstedt, Juni 2026

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