Wiedergefunden
Eine Abschiedsrede aus dem Frühjahr 2026
Als ich hier ankam, war Winter.
Nicht nur draußen. Auch in mir.
Ich erinnere mich noch genau an diesen ersten Tag. An das Gefühl, gescheitert zu sein. An die Scham. An diese leise, aber unerbittliche Stimme in meinem Kopf, die sagte: Jetzt bist du wirklich ganz unten angekommen. Und gleichzeitig war da eine andere Stimme, viel leiser, fast erstickt – die flüsterte: So kann es nicht weitergehen.
Alkohol ist ein seltsamer Begleiter. Am Anfang wirkt er wie ein Freund. Er tröstet, beruhigt, macht mutiger, lockerer, stärker – oder zumindest glaubt man das. Er verspricht Leichtigkeit und nimmt einem unbemerkt immer mehr. Erst kleine Dinge. Dann große.
Er hat mein Leben verändert.
Meine Liebe.
Meine Freundschaften.
Meinen Beruf.
Meine Freizeit.
Und vor allem: mich selbst.
Ich habe geliebt – und gleichzeitig zerstört.
Ich hatte Freunde – und habe sie enttäuscht.
Ich hatte Verantwortung – und bin ihr nicht gerecht geworden.
Und irgendwann war da diese Verzweiflung. Dieses unglücklich sein mit sich selbst. Dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und sich selbst nicht mehr sehen zu wollen. Nicht in den Spiegel. Nicht in die Augen der Menschen, die einem noch geblieben sind.
Das ist das Dilemma eines Alkoholkranken:
Man weiß, dass es schadet. Man spürt, dass es zerstört. Und trotzdem greift man wieder danach. Zwischen Scham und Verlangen. Zwischen Einsicht und Kontrollverlust. Zwischen „Ich höre auf“ und „Nur noch einmal“.
Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist vielleicht einer der schwersten Schritte überhaupt. Weil es bedeutet, die Illusion von Kontrolle loszulassen. Weil es bedeutet, zu sagen: Ich schaffe es nicht allein. Und das tut weh. Sehr.
Aber ich habe diesen Schritt gemacht.
Nicht nur für mich.
Sondern auch für die Menschen, die trotz allem noch da waren.
Mein Partner.
Meine Freunde.
Meine Familie.
Meine Weggefährten.
Menschen, die ich belogen habe. Die ich enttäuscht habe. Und die trotzdem an mich geglaubt haben, als ich es längst nicht mehr konnte. Die Hoffnung hatten, als ich nur noch Leere gespürt habe. Ohne euch wäre ich nicht hier.
Die erste Zeit hier war schwer. Einsam. Still.
Man ist viel allein – vor allem mit sich selbst. Und das ist vielleicht das Schwierigste. Mit einer Gedankenwelt, die unsortiert ist. Die Angst macht. Mit Erinnerungen, die man lange betäubt hat.
Hier gibt es keinen Alkohol, der die Kanten weichzeichnet.
Man muss hinsehen.
Sich selbst ansehen.
Und sich diesen Anblick gut einprägen.
Ich habe hier Seiten an mir gesehen, die mir nicht gefallen haben. Egoismus. Verdrängung. Angst. Aber ich habe auch etwas anderes gesehen: Erschöpfung. Tiefe, ehrliche Erschöpfung. Und dahinter – einen Menschen, der einfach nur nicht mehr konnte.
Ich habe gemerkt, dass ich hier nicht allein bin. Jeder von uns kam mit seiner eigenen Geschichte. Mit anderen Brüchen, anderen Verlusten, anderen Kämpfen. Und doch waren wir uns so ähnlich. Wir haben unsere Geschichten geteilt. Unsere Scham. Unsere Rückfälle. Unsere kleinen Siege. Wir haben voneinander gelernt.
Eine ganz besondere Rolle in diesen fünf Monaten hatte meine Therapeutin. Von Anfang an war da Vertrauen. Ich konnte mich einlassen. Reden. Weinen. Zweifeln. Sie hat mich gebremst, wenn ich mich selbst überfordert habe. Sie hat mich aufgefangen, wenn ich gefallen bin. Sie hat mir neue Blickwinkel gezeigt – nicht alle schön, nicht alle leicht. Aber ehrlich.
Stück für Stück habe ich begonnen zu verstehen.
Mich zu verstehen.
Warum ich getrunken habe.
Was ich betäuben wollte.
Wovor ich geflohen bin.
Und heute – fünf Monate später – bin ich kein anderer Mensch geworden. Aber ich habe in mir jemanden wiedergefunden, den ich lange vermisst habe. Einen Menschen, den ich wirklich mag. Der ich sein und bleiben will.
Ich gehe hier nicht als „geheilt“.
Ich gehe als jemand, der gelernt hat, hinzusehen.
Der weiß, dass er Hilfe braucht – und sie annehmen darf.
Der Weg endet hier nicht.
Hier fängt er an.
Ich weiß, es wird Momente geben, die schwer werden. Tage, an denen die alte Stimme wieder laut wird. Aber ich nehme etwas mit von hier: Ehrlichkeit. Werkzeuge. Erinnerungen. Und die Gewissheit, dass ich nicht allein bin.
Und an euch, die ihr vielleicht noch am Anfang steht:
Ich wünsche euch die Kraft, euch selbst auszuhalten. Die Geduld, euch kennenzulernen. Und den Mut, euch helfen zu lassen. In jedem von uns ist jemand, der es wert ist, gefunden zu werden.
Ich habe meinen Weg wiedergefunden.
Für mich.
Und für all die Menschen, die mich nicht haben fallen lassen.
Danke.